Ich konnte es nur allzu gut nachfühlen – als ich kürzlich den Blog meiner Kollegin las, wurde ich schmerzlich daran erinnert, dass ich selbst etwa zwei Jahre zuvor meinen Schlüssel verloren hatte. Damals war ich in Panik, genau wie die Freundin meiner Kollegin, deren Schlüssel gestohlen wurde. Als Sparfuchs hatte auch ich mich nämlich gegen eine zusätzliche Schlüsselverlustversicherung entschieden und nun stand ich da, ohne Schlüssel zum Büro und zu meiner Haustür. Es dauerte nicht lange, da griff ich zum Telefonhörer und rief meinen Versicherungsberater an, um mir noch einmal bestätigen zu lassen, dass ich wirklich nicht versichert war. Mir schwante Böses – es hätte einen Batzen Geld gekostet, die Schlösser der Schließanlage im ganzen Bürogebäude austauschen zu lassen.
Für mich ist diese Geschichte nach einer Woche glimpflich ausgegangen: Die Mitarbeiter der Bäckerei, in der ich meinen Schlüsselbund verloren hatte, hatten ihn gefunden und für mich aufbewahrt. Doch ich hatte solche Angst, dass mir dieser Fauxpas noch einmal passiert, dass ich sofort meine Haftpflichtpolice um einen Schlüsselversicherung erweiterte – und hätte dafür wohl so ziemlich jeden Aufpreis akzeptiert. Da es mir gerade erst wiederfahren war, bewertete ich die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Verlust natürlich viel zu hoch ein. Seither habe ich meinen Schlüssel immerhin nicht mehr verlegt oder verloren. Aber die Gewissheit, im Falle des Falles nicht selbst einspringen zu müssen, war mir urplötzlich einiges an Geld wert. Sparfuchs hin, minimale Verlustwahrscheinlichkeit her.
Das Phänomen, kleine Wahrscheinlichkeiten überzugewichten ist typisch menschlich. Für die Sicherheit, Verluste zu vermeiden, sind wir bereit, einen hohen Preis zu zahlen: Wir verkaufen gutlaufende Wertpapiere zu früh, um zu verhindern, dass die Gewinne wieder zusammenschmelzen und schließen zu horrenden Preisen Versicherungen für alles Mögliche ab, um sämtliche Unwägbarkeiten von Vornherein auszumerzen. Schlimmer noch: Dieses Verhalten tritt umso häufiger und ausgeprägter auf, je emotionsgeladener eine Entscheidung ist, haben Psychologen festgestellt.[1] Doch auch wenn Angst, Panik, Ärger und Bedauern auch diesmal garantiert nicht die besten Berater waren, so fühle ich mich doch mit meiner Schlüsselversicherung auch heute noch sicherer und was noch wichtiger ist: viel besser.
[1] Rottenstreich, Y. & Hsee, C.K. (2001): Money, Kisses, and Electric Shocks: On the Affective Psychology of Risk, Psychological Science, Vol. 12 (3), S. 185-190
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Tags: Angst, Emotionen, Panik, Überbewertung kleiner Wahrscheinlichkeiten