Don Giovanni oder: fast ungestrafte Overconfi- dence

Bin am Samstag mit meiner Frau in der Frankfurter Oper gewesen, wo zum letzten Mal in dieser Spielzeit Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart gegeben wurde. Sie wissen schon, Don Giovanni, das ist der mit den vielen Frauen – auf Spanisch: Don Juan. Wir genossen die Oper, die ich das letzte Mal vor etwa 30 Jahren gesehen hatte. Zu einer Zeit, zu der ich mich noch nicht mit den Erkenntnissen der Behavioral Economics oder des Behavioral Living beschäftigt hatte. Nun sah ich Don Giovanni mit völlig anderen Augen: Jenen großen Verführer, der nicht nur seine Frau Donna Elvira nach Strich und Faden betrügt, sondern auch viele andere Damen ins Unglück stürzt. Nie zuvor war mir die Ambivalenz der Frauen, denen dieser weltberühmte Womanizer das Herz bricht, so stark aufgefallen. Einerseits sind sie hingerissen von der Attraktivität und dem Nimbus Don Giovannis, fast schon wollen sie seinen Lockungen nachgeben, um sich dann aber doch in letzter Sekunde darauf zu besinnen, was für ein Schuft er doch eigentlich ist. Doch vermittelte zumindest die Frankfurter Inszenierung den Eindruck, dass seine Attraktivität alternativlos ist. Denn die zukünftigen, rechtschaffenen Ehemänner der jungen Frauen wirken im Vergleich zu Don Juan doch eher fad und farblos, so dass das Leben an ihrer Seite nicht gerade einem endlosen Feuerwerk der Leidenschaft gleichen dürfte.

Ja, irgendwo bewunderte auch ich die Figur des Giovanni, weil er trotz all' seiner Untaten nicht im mindesten Bedauern oder Reue verspürt. „Regret Aversion“, die Angst des Entscheiders vor einem Fehlgriff, ist ihm vollkommen fremd. Trotzdem muss er bekanntlich immer wieder den Attacken der rachsüchtigen Liebhaber durch allerlei Tricks entkommen. Und das gelingt ihm so gut, dass sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (wir sprechen in diesem Falle von Overconfidence) fast ins Unermessliche wächst. Auch wenn sein Diener Leporello (für einen Bonus, versteht sich) seinen Kopf für ihn hinhalten muss. Und die Geschichte will es, dass seine Allmachtsfantasien am Ende so weit gehen, dass er den Steinernen Gast, die Verkörperung des Todes, zum Abendessen einladen wird.

Doch zunächst fiel der Vorhang, kam die Pause. Beim Flanieren durchs Foyer wurden wir zufällig Zeuge eines Gespräches unter mehreren jungen Damen, das für jeden Frauenversteher wie eine schallende Ohrfeige gewirkt haben müsste:  „Der Don Giovanni hat jedenfalls Pfeffer im Arsch", meinte eine der Damen anerkennend, und ihre Freundinnen nickten zustimmend, sehnsüchtig.

Als sich nach der Pause der Opernvorhang wieder hob, trat statt Don Giovannis zunächst der Theaterdirektor auf die Bühne, um dem Publikum mitzuteilen, dass sich der Komtur, der Steinerne Gast unterhalb der Bühne, als er den Aufzug, der ihn aus dem Reich der Toten ins Scheinwerferlicht auffahren lässt, betreten wollte, so sehr verletzt habe, dass er mit dem Krankenwagen abtransportiert werden musste. Sollte Don Giovanni also davon kommen, sollten seine Missetaten nicht geahndet werden? Ich rutsche unruhig in meinem Sessel hin und her. Weil doch gerade Behavioral-Economic-Fans wie ich großen Wert darauf legen, dass auf Overconfidence stets die Strafe auf dem Fuße folgt. Aber hier nun hatte sich der Richter und Rächer den Fuß verknackst.

Die Frankfurter Oper wäre nicht die Frankfurter Oper, wenn man nicht sofort eine Lösung gefunden hätte. Die Arie des Komtur wurde von einem eiligst herbeigerufenen Sänger aus dem Off gesungen, während man den Steinernen Gast auf der Bühne durch einen „Stuntman“ ersetzte. Der machte seine Sache so gut, dass er den immer noch nichts bereuenden Don Giovanni –  wir würden seine Gemütslage als „gefangen in der Commitment-Falle“ bezeichnen – kurzerhand mit einem Catcher-Griff ins Jenseits beförderte. (Wrestling-Fans hätten sich unvermittelt an den „Undertaker“, den  Bestatter, erinnert gefühlt, der seine Opfer über das dritte Ringseil ins Grab hievt.)

Don Giovanni schritt erhobenen Hauptes auf das Höllenfeuer zu, versank in den Flammen, schrie ein letztes Mal sein Aufbegehren heraus und verstummte. Endgültig. Damit hätte man es bewenden lassen können, aber die Oper endete nicht ohne den tröstlichen Hinweis, dass am Ende ja immer das Gute siegen wird. Außerdem haben wir gelernt, dass es vor mehr als 200 Jahren, als Mozart dieses Werk komponierte, so etwas wie Vollbeschäftigung gegeben haben muss. Denn Don Giovannis Diener Leporello verkündete ganz lapidar, er werde jetzt sofort ins Wirtshaus gehen, um sich einen neuen Herrn zu suchen.

Ähnliche Artikel:

Tags: , , , , ,

Verfasst von Joachim Goldberg

Hinterlasse eine Antwort