Verloren und doch gewonnen

17. Januar 2012 von Ritu Gurha Lisso

Vor ein paar Tagen brach, während wir uns vor der Schule unserer Kinder angeregt unterhielten, ein Junkie das Auto meiner Freundin auf. Eigentlich standen wir nicht viel weiter als 150 Meter von ihrem Wagen entfernt, aber es dauerte 10 Minuten, bis uns klar wurde, wem der Besuch der Polizei an der viel befahrenen Straße galt: ihrem Auto. Eine Polizistin fragte meine Freundin, was denn alles gestohlen worden sei. Und als diese durch das zerstörte Fenster des Wagens lugte, fiel ihr auf, dass die neue Markenhandtasche und die D&G-Sonnenbrille, die sie von ihrer Schwester zu Weihnachten bekommen hatte, gestohlen worden waren.” „Hast du denn an deine Konto- und Kreditkarten gedacht? Oder auch an den Führerschein?” fragte ich meine ziemlich verwirrt wirkende Freundin, während sie gegenüber der Polizistin überlegte, ob noch weitere Wertsachen entwendet worden waren. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, aber kurze Zeit später gestand sie mir, dass die Schlüssel zum Büro ihres Arbeitgebers ebenfalls verschwunden waren. Schlagartig erinnerte ich mich an ein Gespräch vor ein paar Monaten, als sie ihre neue Arbeitsstelle angetreten hatte. Ja, sie hatte sich ganz bewusst gegen eine Versicherung ihres Büroschlüssels entschieden.

Nachdem wir unsere Kinder eingesammelt und in mein Auto verfrachtet hatten, erzählte sie mir, ihr neuer Arbeitgeber habe sie wiederholt dazu gedrängt, ihre Schlüssel zu versichern, weil sie im Falle eines Verlustes den Austausch aller Schlösser des elfstöckigen Hochhauses, in dem sich das Büro befand, bezahlen müsste. Aber meine Freundin wollte den gut gemeinten Rat nicht annehmen. Dennoch konnte ich sie irgendwie verstehen. Denn nach acht Jahren, in denen sie sich vor allem um ihre beiden Kinder gekümmert hatte, war dies ihr erster neuer Job gewesen. Auch konnte ich mich daran erinnern, wie sie immer wieder nachgerechnet hatte, ob sich der ganze Aufwand für eine Teilzeitbeschäftigung überhaupt lohne und ob nach Bezahlung von Kindermädchen und den zusätzlichen Fahrtkosten noch etwas von ihrem Nettogehalt übrigbliebe. Alles ging ziemlich genau auf, und jeder zusätzliche Euro hätte die Bilanz aus dem Gleichgewicht gebracht. Darüber hinaus hatte meine Freundin noch nie einen Schlüssel verloren. Umso stärker war nun die Reue. Nicht nur, dass ihr die Versicherungsprämie einen wahrscheinlich vierstelligen Verlust erspart hätte. Vielmehr gewannen die warnenden Worte des Arbeitgebers im Nachhinein natürlich dramatisch an Gewicht.

Am nächsten Tag traf ich meine Freundin erneut. Ich muss zugeben, sie machte einen besseren Eindruck auf mich, als ich erwartet hatte. Denn allein schon die Vorstellung, seinem Partner einen so teuren Fehler beichten zu müssen, gehört nicht zu den Höhepunkten einer Ehe. Aber alles schien gut gegangen zu sein. Später erzählte sie mir, dass ihr Mann und sie sich entschlossen hätten, die Suppe gemeinsam auszulöffeln. Zumal meine Freundin, die sich immer noch in der Probezeit befand, ohnehin auf den geplanten Urlaub in Florida verzichten musste. Klar, dass die Kosten des Schlüsselverlustes durch das nun frei gewordene Urlaubs-Budget gedeckt werden konnten. Dazu, dass meine Freundin mit dieser Argumentation die Segnungen der mentalen Kontoführung in Anspruch genommen hatte, um ihr Wohlbefinden wiederherzustellen, schwieg ich lieber, um ihr zurückgewonnenes seelisches Gleichgewicht nicht erneut zu erschüttern. Im Grunde war ich nur einfach froh, dass die Geschichte so glimpflich ausgegangen war[1].



[1] Statt sich über den gestohlenen Schlüssel und den damit verbundenen Rückgang der Ersparnisse womöglich lange zu ärgern, hatten die beiden ein anderes Konto (Urlaubskonto) mental belastet, dessen (ersparter) Saldo nach einigen Monaten ohnehin zu Buche geschlagen hätte.


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veröffentlicht am 17. Januar 2012 um 08:58 Uhr

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