Bailout-Müdigkeit

5. August 2011 von Herman Brodie

Nicht nur die europäischen Steuerzahler sind müde geworden: Erst mussten sie für Banken aufkommen und dann für ganze Länder. Ein Ende ist nicht in Sicht. Auch die Politiker sind erschöpft, denn in endlosen Diskussionen, Meetings, Gipfeln und Foren geht es immer wieder nur um dasselbe: um Lösungen für die gewaltigen Schuldenberge. Jedes dieser Treffen sollte endlich einen Schlussstrich ziehen unter die Schuldenkrise, jedes Treffen die Märkte beruhigen. Doch sobald die Politiker ihre Akten wieder in ihre Taschen gepackt und in ihre Büros zurückgekehrt sind, fängt es wieder von vorn an und die Märkte fordern neue Lösungen. Diese Woche mussten Jose Zapatero, der spanische Premierminister, und Jens Weidmann, Deutschlands Notenbank-Chef, sogar ihren Urlaub abbrechen, um zu wichtigen Sitzungen nach Hause zu fahren.

Wenn Menschen entscheidungsmüde werden, sind grundsätzlich zwei Phänomene zu beobachten. Entweder sie treffen gar keine Entscheidung, wie im Falle der US-Politiker. Ihr jüngster Kompromiss in der Debatte um die Anhebung der Schuldengrenze hat das Problem längst noch nicht gelöst, schwierige Entscheidungen sind einfach in die Zukunft verschoben worden. Nun lasten die weiteren Verhandlungen auf den Schultern eines Komitees, das die unangenehme Aufgabe hat, bis zum Herbst zu entscheiden, wo noch gespart und Steuern erhöht werden könnten.

Oder aber sie tendieren zur Standard-Option, also zu derjenigen Auswahl, die am leichtesten zu treffen ist. Im Falle der Eurozonen-Politiker bedeutet das, dass bestehende Programme einfach nur ausgeweitet werden: Die Kredite an die schuldengeplagten Peripherie-Staaten werden erhöht, der Rückzahlungshorizont erweitert, die Zinsen gesenkt und die Zuständigkeiten des alten Rettungsfonds erweitert.

Jedes Treffen bringt zwar einen Fortschritt und einige neue Maßnahmen, aber der große Wurf ist es nie. Nie gehen die Politiker in völlig neue Richtungen. Das liegt nicht nur an ihrer Entscheidungsmüdigkeit. Hinzu kommt, dass sie naturgemäß keine Maßnahmen treffen möchten, die ihre früheren Entscheidungen in Frage stellen – ein typisch menschlicher Fall von selektiver Entscheidung.  Ein völlig neuer Lösungsansatz erfordert, dass auch neue Gesichter mit an den Verhandlungstischen sitzen müssen. Entscheider, die nicht mental an frühere Beschlüsse gebunden sind und die eben einfach noch nicht so müde sind.

 


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veröffentlicht am 5. August 2011 um 07:49 Uhr

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2 Kommentare

  1. Natürlich wünscht man sich den großen Wurf.Aber ist der nicht riskannt ?
    was wenn eine Fehlentscheidung ? Dann gibts kein zurück.
    Wie bewegt man sich in gefährlichem Gelände : doch nicht mit Riesenschritten und voller Pulle ! Sondern kleine Schritte, vorsichtig, abwägend ! Damit man eben jederzeit wieder zurück kann !

    Kommentar von gerhard vom 5. August 2011 um 08:58

  2. Gerettet werden IMMER nur Banken bzw. ihre Steakholder. Die Länderrettung ist eine arge Täuschung der Steuerzahler. Von Fortschritt würde ich auch nicht sprechen sondern von Konkursverschleppung - was in Deutschland beispielsweise illegal ist, wie auch die Zahlungen ansich. Siehe No-Bailout-Klausel im Lissabon-Vertrag!

    Best regards, Zolarix

    Kommentar von Zolarix vom 5. August 2011 um 10:30

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