Zuviel Deutschland im Depot
23. Februar 2012 von Christin Stock
„Home sweet home“: Im Alltag umgeben wir uns am liebsten mit Dingen, die uns vertraut sind. Vor Fremdem schrecken wir jedoch zunächst zurück, denn es löst ein diffuses Gefühl von mangelnder Kontrolle in uns aus. Am Aktienmarkt ergeht es uns da kaum besser: Wer regelmäßig BMW auf der Straße herumfahren sieht, glaubt nur allzu leicht, eine BMW-Aktie besser einschätzen zu können als das Papier eines nahezu unbekannten japanischen Mitbewerbers. Beim BMW-Investment hat der Anleger vermeintlich alles unter Kontrolle. Auch wenn dieses Kontrollgefühl zumeist nicht mehr als eine Illusion ist – schließlich bewegt sich ein Aktienkurs auf Basis vielfältiger Faktoren, die selbst ein BMW-Liebhaber nur schwer beurteilen kann.
Dazu kommt: Die meisten Anleger dürfte einen Kursverlust umso mehr bedauern, wenn er mit einer unbekannten Automobil-Aktie aus dem Ausland entstanden ist, als wenn der Verlust einem Investment in die vertraute BMW-Aktie geschuldet ist. Man kann sich schließlich sehr leicht vorstellen, den ungewohnten, gewagten Schritt in Richtung Ausland eben nicht getan zu haben.
Die altbekannte Folge dieses Verhaltens: In unseren Depots liegen hauptsächlich Dividendentitel von Unternehmen, die uns vertraut sind, also hauptsächlich heimische Titel. Daran ist grundsätzlich auch nichts verkehrt, doch die Anleger verzichten damit auf die Vorteile internationaler Streuung. Diese sogenannte Home Bias, also die Neigung hauptsächlich heimische Aktien im Depot zu haben, ist schon lange bekannt. Seit Jahren predigen viele Behavioral-Finance-Experten und Investmentberater, dass man sein Vermögen besser streuen sollte. Dennoch schlummerten Ende 2010 in Deutschlands Depots noch 48,8 Prozent heimische Aktien. Dabei stellen deutsche Aktien auf dem Weltmarkt gerade einmal 2,55 Prozent, d.h. würde man seine Investments auf die ganze Welt gleichverteilen wollen, dürften deutsche Aktien nur ebendiesen Anteil eines jeden Depots ausmachen. Wir halten also 46,25 Prozent zu viel an heimischen Dividendentiteln.
Abbildung 1: Home Bias in Deutschland 2010. Quelle: Cognitrend[1]
Anscheinend sind die Gardinenpredigten der Berater nicht ganz verhallt: Die Home Bias hat sich in den letzten Jahren etwas verringert, wie man der zweiten Grafik entnehmen kann. Wir können es nur vermuten, aber der Rückgang mag nichts damit zu tun haben, dass deutsche Anleger plötzlich Behavioral-Finance-Experten geworden sind. Wenn man die Daten indes einmal mit früheren Jahren vergleicht, wird deutlich, dass verstärkt die Eurozone angesteuert wurde. Dank der gemeinsamen Währung wirkten die anderen Euroländer schon gar nicht mehr so fremd und die Investmentfonds- und Zertifikateanbieter dürften in den letzten Jahren ihr übriges getan haben, indem sie verstärkt europäische Produkte bewarben und verkauften. Da zumindest private Anleger nicht nur zur Home Bias, sondern auch zu naiver Diversifikation neigen – gern wird ein Investmentbetrag schön gleichmäßig auf sämtliche vom Berater vorgelegten Alternativen verteilt – landeten diverse europäische Produkte in den Depots. Internationale Streuung ist so immer noch nicht erreicht.
Abbildung 2: Home Bias in Deutschland lässt nach. Quelle: Cognitrend[2]
Es wäre alles kein Problem mit der Konzentration auf deutsche Aktien, wenn man damit tatsächlich besser abschneiden würde als mit einer Verteilung auf internationale Titel. Nur um einmal eine Idee zu geben, worauf man verzichtet, wenn man ausländische Aktien außen vor lässt: Seit Anfang 2001 hat der DAX eine annualisierte[3] Performance von minus 0,79 Prozent abgeliefert – zum Vergleich: Der MSCI World Index[4] hat sich im selben Zeitraum annualisiert um 2,06 Prozent befestigen können und das bei deutlich geringerer Volatilität.
Keine Sorge: Niemand verlangt, die Neigung, zu viele heimische Aktien ins Depot zu nehmen, gänzlich abzulegen. Es wäre schließlich viel zu teuer, ein kleines oder mittleres Vermögen auf die ganze Welt zu verteilen. Auch die Informationsbeschaffung und -bewertung wird kostspieliger und zeitaufwendiger, sobald man die Grenzen des eigenen Landes oder des eigenen Kontinents verlässt. Tröstlich: Streng genommen muss diese Kurve (Abb. 2) sich nicht einmal bis zur Null-Linie abschwächen, denn die Diversifikation kommt oft durch die Hintertür. Selbst wenn man nur deutsche Aktien besäße, würde man dennoch ausländische Erträge erzielen. Schließlich generieren die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften 75 Prozent ihres Umsatzes im Ausland.[5] Doch wie eben schon gezeigt: Trotz seiner Internationalität hinkt der DAX dem MSCI World hinterher. Zumal die Eurozone der Hauptabnehmer deutscher Exportprodukte ist. Auch abzüglich dieser indirekten internationalen Streuung wäre die Home Bias lange noch nicht ausgemerzt. Wie man es auch dreht und wendet, wir täten gut daran, einmal über den deutschen und europäischen Tellerrand hinauszuschauen, um so ein gesünderes Verhältnis zwischen dem Wohlfühlfaktor Heimat und der reinen Performance unseres Depots zu schaffen.
[1] Eigene Berechnung: Hierbei wurden Daten des Internationalen Währungsfonds (Coordinated Portfolio Investment Survey; Equity Securities) verwendet. Für die Marktkapitalisierung wurden Daten der Weltbank herangezogen. Die Berechnung erfolgte nach dem Beispiel von Fidora, M., Fratzscher, M. & Thimann, C. (2007): Home Bias in Global and Equity Markets: The Role of Real Exchance Rate Volatility, Journal of International Money and Finance, Vol. 26 (4), S. 631-655
[2] Eigene Berechnung: Hierbei wurden Daten des Internationalen Währungsfonds (Coordinated Portfolio Investment Survey; Equity Securities) verwendet. Für die Marktkapitalisierung wurden Daten der Weltbank herangezogen. Die Berechnung der Intensität der Home Bias erfolgte nach dem Beispiel von Chen, S. & Yuan, C-D. (2011): Home Bias and the International Cost of Equity: Global Evidence from CAPM Perspective, International Research Journal of Finance and Economics, Issue 74, S.152-168
[3] Basierend auf der monatlichen Rendite des DAX Performance Index
[4] Er beinhaltet die wichtigsten Dividendentitel aus 23 Ländern; hierzu wurde die monatliche Rendite des MSCI World Performance Index (Gross) herangezogen; hier wird angenommen, dass das Währungsrisiko regelmäßig abgesichert wurde
[5] Ernst&Young (2011): Entwicklung der DAX-30-Unternehmen 2009/2010
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veröffentlicht am 23. Februar 2012 um 08:10 Uhr
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3 Kommentare
Für den Privatanleger mit kleiner bis mittlerer Depotgröße scheitert die Internationalisierung meist schon am Marktzugang. Sein Online-Broker gibt Zugang zu ausländischen Börsen entweder gar nicht oder nur mit horrenden Gebühren, ohne Realtime-Kurse und mit sehr beschränkten Order-Typen und -Optionen.
An den heimischen Börsen werden die internationalen Aktien entweder gar nicht oder nur mit sehr geringem Volumen gehandelt, wo der Spread sich anschickt, die Auslandsgebühren auszugleichen, und man dazu noch das Risiko hat, die Aktien nicht loszubekommen wenn es drauf ankommt.
Ich bin selbst bemüht, mich international zu diversifizieren, aber selbst bei europäischen Aktien wirds oft schon eng. Ein indischer Kollege hat letztens eine indische Firma als "good stock" empfohlen, die ist aber leider für mich unerreichbar.
Neben der Erklärung für Home Bias, dass wir vor allem in Dinge investieren, die uns vertraut sind (Informationsvorteil) und verschiedenen Behavioral Finance Phänomenen (z.B. Overconfidence, Dispositionseffekt, Risikotoleranz...), gibt es auch in der Literatur noch weitere Erklärungsansätze, wie z.B. verschiedene Formen des Renditeoptimismus und Arten der Analyse und deren Quellen. Hierzu habe ich einmal selbst eine empirische Studie über Home Bias getrennt nach privaten und institutionellen Investoren erstellt (ISBN 3836651661). Dabei hat sich gezeigt, dass eigentlich kein Ansatz Home Bias richtig erklären kann. Selbst bei Kombination mehrerer Ansätze ist dies nicht eindeutig! Wir sind halt (auch nur) Menschen!
Da gehöre ich wohl eher zu den Exoten. Bei mir beträgt der Deutschland-Anteil nicht einmal 2% des Gesamtdepots.
Vermutlich liegt dies darin begründet, dass für mich die Herkunft eines Unternehmens zweitrangig ist.
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