Wie man künftige Missetäter abschreckt

29. Juni 2012 by Ritu Gurha Lisso

Handschellen

Die Verurteilung des ehemaligen Goldman-Sachs-Aufsehers Rajat Gupta gilt als Meilenstein innerhalb einer großangelegten Kampagne, die US-Staatsanwälte im Kampf gegen den Insiderhandel führten. Gupta wurde schuldig gesprochen, obwohl er nicht einmal persönlich von dem Vergehen profitierte und seine Verurteilung vornehmlich auf Indizien beruhte. Indem sie die Latte derart niedrig hängt – niedriger als bei einer Verurteilung gemeinhin üblich – hofft die Staatsanwaltschaft, eine wirksame Abschreckung für künftige potenzielle Insiderhändler errichtet zu haben. Das könnte durchaus funktionieren: Die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde FSA enthüllte etwa, dass es im Vorfeld von Firmenübernahmen bei den Aktien der betroffenen Unternehmen einen dramatischen Rückgang der Handelsaktivitäten gab. Ein Rückgang, der unter anderem dem viel diskutieren Gupta-Prozess zugeschrieben wird.

 

Verbrechen und Strafe

Tatsächlich könnte das Gupta-Verfahren zum Augenöffner für andere Übeltäter werden. Ein in aller Öffentlichkeit geführter Prozess und eine harte Strafe sollten der Finanzwirtschaft Gelegenheit zum Nachdenken geben. Schließlich bietet Insiderhandel unbestreitbar auch Vorteile: Etwa eine bessere Performance und einen höheren Status innerhalb der Peer-Group. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch immer Nachteile für eine Gruppe, die allgemein gesellschaftlich anerkannte Maßstäbe für ein angemessenes Verhalten missachtet.

 

In kriminelles Verhalten abdriften

Die Kriminalisierung von Insiderhandel ist mit diesem Prozess sehr deutlich geworden: Unmittelbar nach dessen Ende haben sich Insiderhändler vielleicht eher vorstellen können, selbst einmal in Handschellen abgeführt zu werden. Ein Gerichtsverfahren, eine Verurteilung oder den vollständigen Zerfall ihres beruflichen und sozialen Alltags konnte man sich zu jenem Zeitpunkt leicht ausmalen. Aber wie lebendig wird diese Vorstellung in ein paar Monaten oder Jahren sein? Sollte es nämlich unterdessen keine anderen prominenten Verurteilungen mehr geben, würde die Abschreckungswirkung mit der Zeit wieder nachlassen und die Insiderhändler würden zu alten Verhaltensmustern zurückkehren. 

Überdies ist zweifelhaft, ob die gedankliche Verknüpfung zwischen Strafe und Verbrechen künftige Straftäter abschrecken wird, weil diese mitunter noch gar nicht im Insidergeschäft involviert sind. Nur wenige Finanzmarkt-Schurken beginnen ihre kriminellen Karrieren mit Insiderhandel. Normalerweise sind die ersten Missetaten kleiner, möglicherweise sogar noch legal, aber eben am Rande des Legalen. Straftäter rutschen langsam in ihre anstößigen Geschäfte hinein. Bleibt die erste Indiskretion unentdeckt, dann wird damit unweigerlich der Boden für den nächsten Fehltritt bereitet und die Möglichkeit einer Bestrafung scheint in weite Ferne zu rücken. Die Insiderhändler von morgen werden also vom Gupta-Fall nicht abgeschreckt – er hat nichts mit den Aktivitäten zu tun, in die sie gerade verstrickt sind.  

 

Die Lösung

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass bessere Überwachungsmöglichkeiten (etwa das Abhören von Telefonen wie im Falle Guptas) Kriminelle zu Fall bringen könnte. Wenn aber Investoren anfangen zu glauben, dass der einzige Weg, Finanz-Profis ein ehrliches Verhalten abzuringen, in einer größeren externen Kontrolle besteht, dann wird ihr Vertrauen in die Finanzwirtschaft untergraben. Es wäre weitaus besser, wenn die Kontrolle von innen käme. Finanzfachleute sollten entsprechend ausgebildet werden: Man müsste ihnen ethische Dilemmata bewusst machen, denen sie möglicherweise ausgesetzt sind, so dass sie diese instinktiv erkennen und sie damit eher in der Lage wären, sich korrekt zu verhalten. Sie müssten sich an weiter gefassten sozialen Verhaltensregeln ausrichten – und zwar förmlich und häufig. Medienwirksame Verurteilungen sind vielleicht eine Möglichkeit, den moralischen Kompass für Abweichler neu auszurichten – der ideale Weg für die Finanz-Community als Ganzes kann so aber sicher nicht aussehen.  


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vposted on 29. Juni 2012 at 08:18

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