Das Gleichnis vom Auto

24. Juli 2012 von Herman Brodie

Autozeichnung

Vor gut zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, einem Vortrag vom damals scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Crédit Agricole, Georges Pauget, lauschen zu dürfen. Und weil dessen Bank von der Finanzkrise weitgehend verschont blieb, hatte Pauget sogleich eine schmeichelhafte Fabel zur Hand. Wir erinnern uns: Banker waren Anfang 2010 nicht gerade beliebt. In einer Erhebung, deren Teilnehmer gefragt wurden, mit Menschen welcher Berufsgruppe sie am liebsten befreundet wären, rangierten Banker gerade noch an vorletzter Stelle vor dem Schlusslicht, den Prostituierten. Aber Georges Pauget hatte sowieso nichts zu befürchten. Das Publikum bestand nämlich aus einer kleinen Gruppe französischer Industrieunternehmer, so dass ihm ein herzlicher Empfang und Applaus gewiss waren. Eine Aussage erhielt jedoch besonders anerkennende Zustimmung: „Wenn die Volkswirtschaft mit einem Automobil verglichen werden kann” hob der beleibte Banker an und plusterte dabei zum Nachdruck seine Backen auf, „dann sollten die Banken die Räder des Fahrzeugs und nicht dessen Motor sein.” Ein Statement, das meine volle Zustimmung fand.

  

Banken sind nur Räder, nicht Motor

Natürlich hatte Pauget diesen Satz gewählt, um seinen Zuhörern zu schmeicheln, deren Firmen im Gegensatz zu ihm immerhin greifbare Dinge produzierten. Als ich jedoch unlängst erfuhr, gegen die Crédit Agricole würde im Zusammenhang mit der Festsetzung der Libor-Sätze in einem Zeitraum ermittelt, der ziemlich genau in die Amtszeit Paugets gefallen sein musste, machte ich mir über die Ernsthaftigkeit seines Statements Gedanken. Ja, die Oktanzahl des Benzins sollte nur für den Motor eines Autos, nicht aber für dessen Räder eine Rolle spielen. Wenn man Paugets Gleichnis weiterdenkt, kommt man schnell zu dem Schluss, dass das ruinöse Verhalten vieler Banken in den vergangenen Jahren – mangelhafte Darstellung und Verkauf von Produkten sowie Manipulationen – eher zum Motor als zu den Rädern eines Autos gehört. Man kann ein Rad optimieren dabei sogar etwas Zusatzperformance herausholen, aber nie zulasten des Motors. Doch die Krise hat deutlich gemacht, dass das so genannte Talent im Bankgewerbe gerade in den vergangenen Jahren oft nicht viel mehr bedeutet hat, als die Fähigkeit, Teile von Unternehmensgewinnen und privaten Vermögen in Bankgewinne und –boni zu verwandeln. Aber ist erst einmal der Motor zusammengebrochen, werden auch die schnellsten und schönsten Räder der Welt den Karren nicht mehr zum Laufen bringen.

 

Trainingslager für Hochschulabsolventen

Vielleicht sollte man einmal George Pauget fragen, was er über die Krise und das Verhalten der Banken denkt. Immerhin ist er im Vorstand des französischen Multi Valeo, einem Unternehmen, das zufälligerweise Motoren herstellt. Er dürfte mir vermutlich darin zustimmen, dass die Wertewelt eines Bankers sehr stark davon abhängt, was ihm erzählt wird, wie jene aussehen sollte. Wenn den frisch gebackenen Hochschulabsolventen während eines vierwöchigen „Trainingslagers“ immer wieder eingeimpft wird, das wichtigste in der Welt seien die eigenen Unternehmensgewinne, werden diese Jung-Banker es glauben. Wenn Händlern gesagt wird, sie seien die Herren des Universums, werden es die meisten ebenfalls glauben. Und wenn Kunden als Trottel, Weicheier oder Vollidioten verunglimpft werden, werden Sales-Leute keinerlei Skrupel haben, diesen Kunden so gut wie alles anzudrehen.

 

Gesellschaftliche Normen entscheiden

Ausgerechnet jetzt über Unternehmenskultur zu sprechen, wo das Fehlverhalten in den Banken und anderswo gerade ans Licht der Sonne kommt, mag indes etwas trivial klingen. Natürlich fragen die Menschen, wo denn Behörden, Richtlinienbeauftragte oder Revisoren gewesen seien. Aber diese externen Gesetzeshüter können nicht überall sein. Für den Missetäter jedenfalls ist die Gefahr erwischt und möglicherweise (nur leicht) bestraft zu werden angesichts eines winkenden übergroßen Bonus nicht besonders abschreckend. Der einzige allgegenwärtige und allmächtige Gesetzeshüter kann daher nur ein interner Kompass sein, der die einzelnen von unangemessenen Verhaltensweisen abhält. Ein Kompass der sich an den gesellschaftlichen Normen orientiert. Und die gesellschaftliche Norm für ein Unternehmen ist dessen Kultur. Was aber die Boni betrifft, ziehen diese nicht die besten, sondern die gierigsten Menschen an.


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veröffentlicht am 24. Juli 2012 um 06:53 Uhr

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