US-Pleite wäre Supernova

10. Juni 2011 von Gianni Hirschmüller

Hyperaktive Rating-Agenturen ballern derzeit von allen Seiten in Richtung Schuldensünder. Selbst die USA gerieten bei den jüngsten Gefechten vor das Zielfernrohr. Mit so einer aggressiven Angriffshaltung von Fitch & Co hat wohl niemand gerechnet. Selbst gestandene Notenbanker wie der Präsident der Federal Reserve von St. Louis, James Bullard, gehen in Deckung. Er spricht von einem „globalen gesamtwirtschaftlichen Schock“, falls die Haushaltslage in den USA außer Kontrolle geraten würde. Und er nennt es eine „gefährliche Idee“, wenn die US-Republikaner laut über eine Ablehnung der Schuldenobergrenzenanpassung nachdenken.

Cool wie ein Actionheld wirkt mitten auf dem Rating-Schlachtfeld dagegen der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dr. Michael Hüther ist als Ökonom dafür bekannt, dass seine Meinung nicht immer den finanzpolitischen Mainstream widerspiegelt. Das ist durchaus begrüßenswert, denn nur so entstehen Diskussionen und möglicherweise auch neue Denkansätze bzw. Lösungen. Das Szenario, das Herr Hüther aber diesmal in einem Handelsblatt-Artikel beschreibt, ist etwas kurios. Er sieht einer möglichen Zahlungsunfähigkeit der USA, die ab dem 2. August drohen könnte, gelassen entgegen. Die Emerging Markets seien „eine eigene wirtschaftliche Dynamik“ argumentiert er und rechtfertigt damit die These, dass eine Bankrotterklärung der USA keine üblen Konsequenzen für die Weltwirtschaft hätte. Auch Deutschland kommt nach seiner Analyse wohl nur mit dem Schrecken davon. „Die deutsche Wirtschaft sollte deshalb nur geringe Folgen einer US-Schwäche verspüren“, folgert Hüther.[1]

Einige Marktteilnehmer mögen diese Einschätzung beruhigend empfinden und akzeptieren sie vielleicht deswegen ohne Wenn und Aber. Oder weil die Masse der Akteure ohnehin davon ausgeht, der Fall „X“ werde nie eintreten. Mir geht es jedoch nicht so. Während ich die erste Aussage Hüthers noch durchaus nachvollziehen kann – die Emerging Markets sind mittlerweile reifer und besäßen in der Tat eine eigenständige, dynamische Wirtschaft – fällt es mir schwer, seine zweite These nachzuvollziehen. Wie könnte ein mit einer Zahlungsunfähigkeit – sei sie auch nur vorübergehend – einhergehender Einsturz des Ratings (US-Bonds hätten dann Junk-Status) ohne Wirkung auf Schwellenländer bleiben? Die Bestände der EME-Staaten sind viel zu hoch, um ihnen zu unterstellen, sie seien unwesentlich.[2] Die riesigen Währungsreserven, die diese Länder in US-Bonds parken, bilden Sicherheit für ihren Handel. Fliegen den Banken diese Sicherheiten um die Ohren, bricht auch die Grundlage für den Handel weg. Dem Wachstumsmotor würde abrupt das Schmieröl abgesogen. Nicht nur Schwellenländer hätten ein Problem damit. Weltweit sind US-Bonds in vielen Depots als Collateral hinterlegt. Japan deckt damit den Großteil seines gewaltigen Defizits. Und da soll eine Herabstufung auf Junk-Status nichts bewirken? Handel und Finanzmärkte sind viel zu eng verzahnt, als dass man von ihnen wie über Paralleluniversen sprechen könnte. Kommt die US-Supernova, wird sie binnen kurzer Zeit das EME-Sonnensystem und auch uns erreichen.

 


 

 

[1] US-Schuldenkrise schürt Angst vor globalem Schock, 09.06.2011, Handelsblatt 

[2] Tabelle der größten Auslandsgläubiger, Department of Treasury / Federal Reserve Board 

http://www.treasury.gov/resource-center/data-chart-center/tic/Documents/mfh.txt


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veröffentlicht am 10. Juni 2011 um 11:17 Uhr

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